Streitschrift verkündet Ende der Schriftkultur (Gießener Anzeiger, 4. November 1999 page 36)

Für Mihai Nadin ersetzt Effizienz Moral und Ethik, Selbstverwirklichung Gemeinsamkeit und Anteilnahme

Der doppelt promovierte Ästhetiker und Computerwissenschaftler Mihai Nadin verkündet das Ende der Schriftkultur-und er findet es gut. Bilder ersetzen Buchstaben - wie zum Beispiel die Piktogramme auf einem Flughafen oder das Herz, das für "Liebe" steht. Grenzenlose Kommunikation tritt an die Stelle der überkommenen Kritzelei. Das Femsehen hat die Welt stärker verändert als Gutenberg. Doktortitel werden vom Beleg für eine wissenschaftliche Leistung zum bloßen Nachweis dafür, dass ein Akademiker-Hinterteil jahrelang einen Fleck auf einer Universitätsbank davor bewahrt hat, dass sich dort Staub ansammelt. Effizienz tritt an die Stelle von Moral und Ethik, Selbstverwirklichung ersetzt Gemeinschaft und Anteilnahme. Stimmt dieses Bild, das der Autor entwirft? Es muss der von ihm entdeckten großen Mehrheit der Illiteraten verborgen bleiben, da es sich in einem Buch findet.

Setzt man wie Nadin Schriftkultur mit allen anderen Bereichen der Kultur in Beziehung, kommt man an Trends aus dem Lande jenseits des Atlantik, das so fortschrittlich ist, dass dort sogar die Stühle elektrisch sind, nicht vorbei. Statt gesunde Nahrung in preiswerten Restaurants zu sich zu nehmen, schluckt die breite Masse dort ihren Energiebedarf in Schnellabspeisungsstätten in Portionen, die effizient darauf berechnet sind, möglichst viel Speichelfluss (und damit Hunger auf mehr) beim Essenden zu erregen.

In Deutschland mag es mit dem Essen (noch) etwas besser sein. Zumindest ist hier, wie in den USA geschehen, kaum denkbar, dass eine lmbisskette einen Prozess gegen einen von ihr fischvergifteten Kunden mit dem Argument gewinnt, dass im Fishburger gar kein Fisch drin ist. Kein Fisch im Burger, das bleibt Vorrecht der Staaten. Kein Sinn im Text - das gibt es aber auch hier.

,,Es ist noch niemals sinnvoll gewesen, sich dem Erfolg entgegenzustellen" befindet der Autor. Es war also sinnlos, im Arbeiter- und Bauernparadies gegen die Übermacht der allgegenwärtigen Staatssi-cherheit zu opponieren, sinnlos, sich in den Ardennen anno Vierzig den Panzerkeilen der Invasoren entgegenzustellen, sinnlos, als Cheruskerfürst die iiberall siegreichen römischen Legionen besiegen zu wollen.

Und doch müssen die Arbeiter- und Bauemfunktionäre heute im Lande des Klassenfeinde

leben, sind die Invasoren zurückgeschlagen, wurde Germanien niemals römisch. Dass der lange erfolgreiche real existierende Sozialismus unterging, lag nach Nadins Erkenntnis vor allem an der Tatsache, dass er der Schriftkultur so hohen Stellenwert beimaß. Aber stimmt die Diagnose, dass such wir zum Untergang verdammt sind, wenn wir all unseren Buchstaben-Ballast nicht schleunigst auf den Komposthaufen der Geschichte werfen?

Nadin macht sich Gedanken darüber, was Zeichen, Bilder und Schrift überhaupt sind. Er untersucht, wie Sprache funktioniert, welche Rolle sie in der Arbeitswelt spielt, beim Militär, im Sport, in der Wissenschaft. Der Leser kommt nicht umhin, sich auch Gedanken zu machen.
Nadin macht Defizite beileibe nicht nur im Land der unbegrenzten Kommunikation aus. Auch französische Schüler, meint er, beherrschten nach 15 Jahren Pauken ihre Sprache nicht einwandfrei. Obwohl der Autor Beobachtungen über Beobachtungen anführt, lässt sich der Eindruck nicht vermeiden, sie seien beliebig ausgewählt und untermauerten das Gedankengebäude vom unweigerlich auf uns zu kommenden Analphabetismus nicht wirklich Und ist die Kommunikation denn wirklich so unfehlbar perfekt?

Weniger als zwei Prozent der ausgesandten Informationen erreichen heute überhaupt ihr Publikum, wissen Experten. Auch effiziente sprachliche Kommunikation könnte durchaus wieder zum Privileg einiger weniger werden, wie sie es jahrhundertelang schon einmal war, zum Bei spiel zu Gutenbergs Zeiten. Wenn B nicht weiß, was A mit ,,Abbeizstelle" meint, zielte die Botschaft such dann ins Leere, wenn sie im Internet mit seinen unbestreitbaren Vorteilen für die globale Kommunikation verbreitet würde. Wer Arbeit anbietet, will auch virtuell keine Türen von Farbe befreien.

Nadin hat sich auf die große Linie festgelegt. Vermeiden konnte er es hingegen nicht, dass er nach Jahren der Recherche seine Sicht der Welt eben nicht ins Netz, sondern zu Papier gebracht hat öauf Hunderten von Seiten voller Schriftlichkeit, ohne ein einziges der Bilder, denen doch die Zukunft gehört.